Wohnen im Passivhaus: 90 Prozent weniger Heizkosten

  • Beitrag abonnieren
  • Beitrag empfehlen 4
  • 0
Architekt-Olaf-Reiter

Diplomingenieur Olaf Reiter ist freier Architekt in Dresden und Vorsitzender des Arbeitskreises „Energiesparendes und ökologisches Bauen“ der Architektenkammer Sachsen. Sein Büro hat unter anderem den Sächsischen Staatspreis für Architektur und den Holzbaupreis Sachsen erhalten. Foto: privat

Verhält sich jemand passiv, ist das meist kein besonders sympathischer Zug. Bei Gebäuden sieht das anders aus: In sogenannten Passivhäusern geht die Wärme nie verloren.

Ein hervorragender Wärmeschutz dank spezieller Dämmmaterialien, dreifach verglaste Fenster und eine Komfortlüftung mit integrierter Nachheizung für die Frischluft sorgen dafür.

Zunehmend mehr Menschen wollen energiesparend bauen. Dieses Kriterium ist ihnen nach meinen Erfahrungen inzwischen genauso wichtig wie der Wohnkomfort oder eine ansprechende Architektur. Die diesjährige Serie „Energieeffizient wohnen“ im ENSO-Magazin trifft deshalb den Zeitgeist.

Die Rollen zwischen den Geschlechtern sind klar verteilt. Während den Frauen vor allem gesunde Baustoffe am Herzen liegen, kümmern sich die Männer um die Heizung. Im Passivhaus fallen die Heizkosten extrem niedrig aus. Im Vergleich zum herkömmlichen Eigenheim benötigt es 90 Prozent weniger Heizwärme, gemessen an einem  Niedrigenergiehaus sind es immer noch 75 Prozent weniger.

Einfamilienhaus

Dieses Einfamilienhaus in der Sächsischen Schweiz hat eine Wohnfläche von 190 Quadratmetern. Die Bewohner heizen mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe und einem Kamin. Foto: Architekturbüro Reiter

Oder anders gesagt: Muss der Eigentümer eines Einfamilienhauses in der Regel 2.000 bis 3.000 Euro pro Jahr dafür zahlen, dass es in seinen vier Wänden schön warm ist, reichen beim Passivhaus 300 bis 500 Euro, weil es nur 15 Kilowattstunden Heizenergie pro Quadratmeter und Jahr benötigt.

Das entspricht 1,5 Liter Öl oder 1,5 Kubikmeter Erdgas bei Neubauten. Im Altbau sind es 2,5 l Öl oder 2,5 m3 Erdgas pro Quadratmeter und Jahr.

Ich baue seit 17 Jahren Passivhäuser. In ganz Deutschland gibt es davon bereits rund 17.000. Weder eine spezielle Bauform oder -weise noch ein bestimmter Gebäudetyp sind bei einem solchen Haus vonnöten. Jeder erfahrene Architekt kann es in Massiv-, Holz- oder Mischbauweise errichten oder Altbauten mit Passivhaus-Komponenten sanieren.

Höchste Qualität von Gebäudehülle und Lüftungstechnik machen den Wärmebedarf so gering, dass es drinnen auch im tiefsten Winter angenehm warm ist. Die Sonneneinstrahlung durch die Fenster, die Eigenwärme der Bewohner und die Wärmeabgabe technischer Geräte reichen dafür fast aus.

Die aktuelle Herbstausgabe des  ENSO-Magazins stellt zwei junge Familien vor, die sich bei der Heizung für eine Luft-Wärmepumpe entschieden haben. Sie wird in Neubauten gern verwendet, da sie kostengünstiger als beispielsweise die Erdwärmepumpe ist. Auch ich habe damit ein Einfamilienhaus in Passivhausbauweise für eine Familie in der Sächsischen Schweiz ausgerüstet. Die Kombination mit einem Kamin erweist sich als gute Lösung für Tage, an denen die Fußbodenheizung noch nicht ständig in Betrieb sein muss.

Kindergarten

Auf 650 Quadratmetern tummeln sich in diesem Heidenauer Kindergarten die Jüngsten. Angeschlossen ist er ans städtische Fernwärmenetz. Foto: Architekturbüro Reiter

Einen Anschluss ans städtische Fernwärmenetz erhielt eine Tagesstätte für 72 Kinder in Heidenau, die mein Kollege Günther Rentzsch mit mir geplant und gebaut hat. Sie besteht aus passivhaustauglichen Wärmedämmziegeln.

Das Holzdach ist begrünt und mit Zellulose gedämmt. Die Fenster sind dreifach isolierverglast. Eine Komfortlüftung mit einem schallgedämmten Ventilator liefert gleichmäßige Frischluft – was bei Kindern besonders wichtig ist.

Ein Wärmetauscher gewinnt die Energie aus der Abluft zurück. Damit kann die Frischluft vorgeheizt werden. So sinkt die Temperatur im Haus nie unter 20 bis 22 Grad Celsius. Das Prinzip verdeutlicht diese Animation:

Passivhäuser sind Wohlfühlhäuser, in denen es nirgends kalt ist oder zieht. Diese Erkenntnis weiter zu verbreiten und den Bau solcher Häuser zu befördern, hat sich auch der Arbeitskreis „Energiesparendes und ökologisches Bauen“ der Architektenkammer Sachsen, den ich leite, auf die Fahnen geschrieben.

Passivhaustagung

Im Internationalen Kongresszentrum Dresden trafen sich Fachleute aus aller Welt 2010 zur Passivhaustagung. Foto: © Passivhaus Institut

Gerade sind die Vorbereitungen auf die 19. Internationale Passivhaustagung am 17./18. April 2015 in Leipzig angelaufen. Die Stadt Leipzig, das Passivhausinstitut Darmstadt und die Architektenkammer Sachsen richten sie aus.

Mit rund 1.000 Teilnehmern aus 46 Ländern rechnen wir. Die Tagung richtet sich nicht nur an Architekten, Ingenieurbüros, Energieberater, Wissenschaftler oder das Handwerk, sondern auch an Energieversorger, Kommunen und Baufamilien.

Weltweit verbreitet sich zunehmend die Erkenntnis, dass energieeffizientes Wohnen mithelfen kann, die drängenden globalen Klimaschutzaufgaben zu lösen. Mich freut es sehr, dass wir sächsischen Architekten dabei eine Vorreiterrolle einnehmen.      

Veröffentlicht von Gastautor am 12. September 2014 14:53 in Energie, Spartipps, Umwelt

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare verfasst!

  • Name*

  • E-Mail*