Wasserkraftwerk Tharandt: Das Geheimnis des langen Stollens

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Stollenbau zwischen Tharandt und Dorfhain

Ein 3,5 Kilometer langer Tunnel verbindet die Wasserwerke Dorfhain und Tharandt. Er wurde am 5. Dezember 1924 fertiggestellt.

Meine Kinder lieben es, im Winter eine große Schneeburg zu bauen. Ein Tunnel durch die Burg gehört selbstverständlich auch dazu. Also graben wir von zwei gegenüberliegenden Seiten einen Durchgang.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich beide Gänge in der Mitte treffen, ist dabei recht groß. Kleinere Abweichungen können wir im Schnee leicht korrigieren.

Ganz anders sieht es aber bei festem Gestein aus. Zugegeben, die Berechnungen zum Bau des 3.500 Meter langen Stollens, der das Wasserkraftwerk (WKW) Dorfhain mit dem WKW Tharandt verbindet, waren sicher etwas umfangreicher als in meinem Beispiel.

Dennoch ist es eine wahre Meisterleistung, dass sich heute vor 92 Jahren – am 5. Dezember 1924 – nach gerade mal 139 Tagen Bauzeit die Arbeiter bei minimalen Abweichungen in der Mitte trafen. Der Stollen führt Wasser von der Talsperre Klingenberg zum Wasserwerk Coschütz. Dort wird es zu Trinkwasser für die Stadt Dresden aufbereitet.

Wasserkraftwerk in Tharandt

Das WKW in Tharandt ist das größte unseres Unternehmens.

Mit einer installierten Leistung von 1.660 Kilowatt (KW) ist das WKW Tharandt das größte der sechs ENSO-Wasserkraftwerke. Eine Fallhöhe von 70 Metern und ein maximaler Wasserdurchfluss von 3,3 Metern pro Sekunde sorgen für diese enorme Leistung.

Zum Vergleich: Die durchschnittliche installierte Leistung der 330 sächsischen WKW lag im Jahr 2014 bei 300 KW.

Zwei Francisspiralturbinen aus dem Jahr 1925, die noch im Original erhalten sind, wandeln die potentielle Energie des Wassers im WKW Tharandt in mechanische Energie um. Der 3-Phasen-Synchrongenerator erzeugt daraus elektrische Energie.

Die Anfang der 1990er-Jahre erneuerte Schalt- und Steuerungstechnik ist für das perfekte Zusammenspiel verschiedener Anlagenkomponenten verantwortlich. Abhängig vom Pegelstand sorgt die 2011 erneut modernisierte Steuerungstechnik durch Öffnen und Schließen des Leitapparates der Turbine für einen optimalen Wasserdurchfluss.

alter Maschinensaal im Wasserkraftwerk Tharandt

Die historische Technik von 1925 arbeitet…

aktueller Maschinenraum im Wasserkraftwerk Tharandt

…auch heute noch zuverlässig im WKW Tharandt.

Übrigens: Das erste Wasserkraftwerk in Sachsen, das für die Öffentlichkeit Strom erzeugte, stand ebenfalls in Tharandt. Unternehmer Friedrich Ernst Schmieder ließ die Energieerzeugungsanlage in der Schlossmühle errichten. Sie ging 1893 in Betrieb und versorgte die Straßenbeleuchtung sowie umliegende Gebäude mit Strom.

Die technische Ausrüstung bestand damals aus einer Dynamomaschine mit 1.300 Umdrehungen pro Minute, einer Akkumulatoren-Batterie mit 112 Amperestunden und einer Schaltanlage.

Ein Mitarbeiter bedient die moderne Steuerungstechnik im Wasserkraftwerk Tharandt

Anfang der 1990er-Jahre bekam das WKW eine moderne Schalt- und Steuerungstechnik.

Das wesentliche Problem dieser Anlage war die Kraftübertragung der langsam drehenden Wasserräder auf die schnell drehende Dynamomaschine, verbunden mit hohen Übertragungsverlusten.

Heutige Wasserkraftwerke sind technisch ausgereift und arbeiten sehr effizient. In Deutschland gibt es bereits über 7.000 dieser Anlagen. Das WKW in Tharandt liefert seit 90 Jahren zuverlässig Strom und leistet damit einen Beitrag zur umweltfreundlichen Energieversorgung.

Unsere diesjährige Schneeburg mit dem Tunnel wird im Gegensatz dazu nicht einmal den nächsten Frühling überstehen.

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