Verbundauto: Der Nächste, bitte!

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Armin Raupach

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaft und Verkehr an der TU Dresden begleitet Armin Raupach das Projekt Verbundauto. Er selbst ist begeisterter Carsharer und Radfahrer.

Normalerweise ist ein Autoschlüssel handlich. Doch anlässlich der feierlichen Übergabe der fünf „Verbundautos“ an die TU Dresden durfte das Exemplar etwas größer ausfallen. In den kommenden Wochen werden die Autoschlüssel von Nutzer zu Nutzer wandern. Denn in der Praxisstudie, die wir gemeinsam mit DREWAG und ENSO auf die Beine gestellt haben, teilen sich mehrere Fahrer ein Elektroauto.

Nach unserem Verständnis soll sich Elektromobilität und das Teilen der Autos nicht auf bestimmte Personengruppen beschränken, sondern für jedermann zugänglich und erfahrbar sein. Deshalb versuchen wir im Projekt Verbundauto möglichst viele verschiedene Personen zu gewinnen und ihre Bedürfnisse zu kombinieren.

Bewerber aus dem Stadtgebiet ohne eigenen Pkw-Stellplatz und Lademöglichkeit beispielsweise profitieren durch die gemeinsame Nutzung ebenso wie Bewohner im ländlichen Raum, die das Auto privat abstellen und aufladen können.

Bis zum heutigen Tag haben sich über 650 Interessenten als Tester gemeldet – vom Studenten über Angestellte bis hin zu mittelständischen Unternehmen ist alles dabei. Diese positive Resonanz freut uns sehr und erleichtert es uns, passende Nutzerkreise zu bilden.

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Ob der Schlüssel passt? Prof. Bernard Bäker und Prof. Hartmut Fricke nehmen die Verbundauto-Flotte von ENSO-Vorstand Reiner Zieschank entgegen. (v.l.n.r.)

Die Vorauswahl der Nutzer basierte auf einer sinnvollen Kombination der Fahrtwege, der Zeiten und dem persönlichen Verkehrsmittelmix. Im ersten Schritt haben wir die Bewerber unter anderem nach diesen Kriterien mithilfe einer Software automatisch gefiltert und die Profile abgeglichen. Dabei reduzierte sich der Kreis der optimal passenden Tester deutlich.

In anschließenden persönlichen Gesprächen haben wir Motive zur täglichen Mobilität, die Einstellung zum eigenen Pkw und zur Elektromobilität hinterfragt. Denn wir wollen nicht nur den begeisterten Elektromobilisten ansprechen, sondern auch kritisch eingestellte Personen, die es von der neuen Technologie zu überzeugen gilt.

Die leidenschaftlichen Diskussionen waren für mich extrem spannend, hitzig wurde über neue Mobilitätsformen debattiert. Zum Teil kamen kontroverse Meinungen auf den Tisch. Beispielsweise empfinden einige Teilnehmer das eigene Fahrzeug als geldintensives Übel, das aber für die täglichen Wege notwendig ist. Andere wiederum sehen es als unverzichtbares Statussymbol. Ich konnte spüren, mit was für einem emotionalen Thema wir es hier zu tun haben.

Die Motivationen zur Teilnahme an der Testreihe ist sehr unterschiedlich. Sie reicht von „einfach mal Kennenlernen und Ausprobieren von Elektromobilität“ bis zu „Interesse an alternativen Besitzmodellen und einer geteilten Nutzung“. Der Konsens: „Wenn schon mal Alternativen dazu geboten werden, kann man diese doch einmal ausprobieren. Was hat man schon zu verlieren?“, so einer der angehenden Tester. Beim Fahrspaß, den Elektrofahrzeuge bieten, kamen dann wieder alle auf einen gemeinsamen Nenner.

Fahrerwechsel, Foto: Dörthe Huth/pixelio.de

Der Nächste, bitte: Bei der Praxisstudie teilen sich mehrere Nutzer ein Elektroauto. Foto: Dörthe Huth/pixelio.de

Die ersten Verbundautos haben wir mittlerweile an die Nutzer übergeben. Das sind Pendler, die innerhalb Dresdens oder ins Umland zum Arbeitsplatz fahren. Im Mittel legen sie zwischen 10 bis 30 Kilometer pro Strecke zurück. Es wird sich nun zeigen, welche zusätzliche Auslastung möglich ist. Hier spielen Reichweite und Lademöglichkeiten eine Rolle. In den nächsten Wochen kommen nach und nach weitere Fahrer hinzu. Dann heißt es: “Der Nächste, bitte!“

Wir Mitarbeiter von der TU Dresden haben noch alle Hände voll zu tun: Ein Zugangssystem soll den schlüssellosen, komfortablen Zugriff auf das Fahrzeug ermöglichen. Ein Buchungssystem erleichtert die Reservierung und damit die Koordination mehrerer Nutzer, die sich ein Verbundauto teilen. Diese Systeme wollen wir schrittweise einführen. Unser Ziel ist es, eine bequeme, umweltfreundliche Mobilitätsalternative zu schaffen, die dazu führt, dass die Tester ihre Einstellung zum eigenen Pkw überdenken und Ansätze für neue Ideen liefert. DREWAG und ENSO als Energieversorger spielen bei der Entwicklung eine zentrale Rolle und sind wertvolle Partner.

Messtechnik und Bedieninstrumente im Verbundauto

Zum Zwecke der Forschung werden die Elektroautos mit Messtechnik ausgerüstet, die während der Testreihe Fahrzeugdaten und Stromverbräuche aufzeichnet.

Obwohl das Projekt erst kurze Zeit läuft, konnten wir schon einige Erkentnisse zum Umgang mit den Elektrofahrzeugen und dem Zusammenspiel mit der Ladeinfrastruktur gewinnen. Zum Beispiel welche Standorte häufig angefahren werden, wie die Bedienung der Ladestation noch weiter vereinfacht werden kann und wie reichweitenstabil die Fahrzeuge auch bei kälteren Temperaturen sind.

Während der Testreihe erhalten wir wertvolle Einblicke in das tägliche Mobilitätsverhalten, denn die Nutzer führen Mobilitätstägebucher und werden regelmäßig von uns zu ihren Erfahrungen befragt.

Übrigens: Wir suchen nach wie vor Interessenten – privat oder gewerblich, am liebsten aus dem ländlichen Raum! Denn die Nutzergruppen teilen sich immer etwa drei Monate ein Elektroauto. Danach wechselt der Testerkreis. Melden Sie sich also gern unter www.verbundauto.de.

Veröffentlicht von Gastautor am 2. Dezember 2014 15:46 in Elektromobilität, Energie

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