Haus der Zukunft: Ohne Stromnetz geht es nicht

  • Beitrag abonnieren
  • Beitrag empfehlen 11
  • 0
Prof.-Clemens-Felsmann

Prof. Dr.-Ing. Clemens Felsmann von der TU Dresden und sein Team forschen am Haus der Zukunft. Foto: TU Dresden

2010 lobte das Bundesamt für Bauwesen und Bauordnung einen Forschungswettbewerb für Universitäten und Hochschulen zum Thema Plusenergiehaus mit Elektromobilität aus. Rund 25 wissenschaftliche Einrichtungen aus ganz Deutschland stellten sich dieser Herausforderung.

Dazu gehörte auch ein Forscherteam der Technischen Universität Dresden unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Clemens Felsmann. Am Institut für Energietechnik der TU Dresden hat er eine Professur für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung inne. Seine Wettbewerbsarbeit belegte den zweiten Platz. In der aktuellen Sommerausgabe des ENSO-Magazins stellen wir es vor.

Auskunft über den Wettbewerb und ein Pilotprojekt, das zurzeit in der Oberlausitz entsteht, gibt Prof. Felsmann im Interview.

Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem zweiten Platz beim bundesweiten Wettbewerb?
Sehr zufrieden, denn wir haben namhafte Institute und Hochschulen hinter uns gelassen. Außerdem war es ein knapper zweiter Platz.

Was hat gefehlt, um ganz vorn zu landen? 
Nicht viel. Am Wettbewerbsbeitrag, der den ersten Platz errang, wirkte ein renommierter Architekt mit, der den Geschmack der Ausrichter und den Zeitgeist etwas besser getroffen hat.

Hausmodell

So sieht das Modell des preisgekrönten Hauses der Zukunft aus, an dem ein Forscherteam der TU Dresden arbeitet. Illustration: TU Dresden

Warum haben Sie sich am Planungswettbewerb zum Thema Plusenergiehaus beteiligt?
Wir forschen schon seit längerem auf diesem Gebiet. Der Wettbewerb zielte auf die technische Machbarkeit. Die wollten wir unter Beweis stellen. Rund zehn Mitarbeiter verschiedenster Fachrichtungen unserer Universität gehörten dem Team an, darunter Architekt Reinhard Mayer.

Was zeichnet Ihr Projekt aus?
Wir haben ein Haus entworfen, das mehr Energie produziert, als es verbraucht. Dafür sorgen Photovoltaikanlagen auf dem Dach und an den Fassaden. Die Sonnenenergie ermöglicht außerdem den Betrieb von Elektroautos. Für Heizung und Warmwasser sorgt eine Luft-Wärmepumpe. Die Abwärme der elektrischen Geräte deckt einen Teil des Heizwärmebedarfs.

Zum Einsatz kommen ökologische Baumaterialien mit geringen Umweltauswirkungen wie recycelte Betonelemente für das Fundament, vorrangig natürliche Dämmmaterialien oder Holz. Denn wir legen Wert auf die ganzheitliche Betrachtung  – auf technische Innovation wie auf ökologische Effekte.

Wann folgt der praktische Beweis, dass das Konzept funktioniert? 
Seit dem vergangenen Jahr errichtet ein privater Bauherr ein ähnliches Haus in der Nähe von Bautzen. Er will es selbst nutzen und in diesem Sommer einziehen. Dieses Pilotprojekt entsteht für einen Vier-Personen-Haushalt und umfasst knapp 150 Quadratmeter Wohnfläche. Gebaut wird in Passivhausstandard. Damit ist der Heizwärmebedarf sehr gering.

Haus-mit-Elektroauto

Weil das Haus mehr Energie erzeugt als verbraucht, können auch Fahrzeuge mit Elektroantrieb aufgeladen werden. Illustration: TU Dresden

Sie verbinden Wohnen und Elektromobilität. Wie sieht das konkret aus?
Das Plusenergiehaus erzeugt genügend Energie, um den Jahresenergiebedarf des Gebäudes selbst zu decken und Strom ins öffentliche Netz einzuspeisen. Zusätzlich fällt der Strom für zwei Elektrofahrzeuge und einen Elektroroller mit einer jährlichen Fahrleistung von insgesamt rund 30.000 Kilometern ab.

Dabei dienen auch die in den Fahrzeugen eingebauten Akkus als Stromspeicher. Scheint einmal nicht genügend Sonne, um die Elektrogeräte im Haus zu betreiben, greift das System auf die in den Akkus gespeicherte Stromreserve zurück.

Welche Rolle kommt Ihnen und Ihren Kollegen beim Pilotprojekt in der Oberlausitz zu?
Wir von der TU begleiten es wissenschaftlich, um zu erforschen, ob die geplanten Kennziffern im Hinblick auf die Energieerzeugung und den –verbrauch erreicht werden. Außerdem sind wir ständig auf der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten.

Mit welchen Mehrkosten müssen Interessenten bei Ihrem Plusenergiehaus rechnen? 
Unser Haus ist etwa zehn bis 20 Prozent teurer als ein herkömmliches Haus. Wegen der Energieeinsparung sind diese Mehrkosten aber schon bald wieder reingeholt.

Sie sprachen von technischer Innovation. Inwiefern ist auch Smart Home Bestandteil Ihres Konzeptes?
Auch das gehört dazu. An interaktiven Displays können sich die Bewohner rund um die Uhr über den Energieverbrauch im Haus informieren. Angezeigt wird auch, wie voll die Stromspeicher sind. Mittels Fernzugriff über das Internet lassen sich Heizung, Licht, Rollläden oder elektrische Haushaltsgeräte steuern.

Technik

Auch bei der Nutzung von Sonnenenergie ist das Stromnetz unverzichtbar. Illustration: TU Dresden

Warum kommt Ihr Haus der Zukunft nicht ohne Anschluss ans Stromnetz aus?
Zwar produziert es insgesamt über das Jahr gesehen mehr Energie, als es verbraucht. Etwa ein Drittel des Jahres sind die Bewohner unabhängig vom Netz. Ganz ohne Netz geht es aber nicht. Denn überschüssige Energie lässt sich zwar mehrere Tage, aber nicht monatelang in den Batterien speichern.

Unter welchen Voraussetzungen sind längere Speicherzeiträume möglich?
Dafür wären riesige Batterien mit viel Platzbedarf nötig. Man müsste im Grunde ein zweites Haus bauen. Es entstünden erhebliche Kosten.

Wie geeignet ist das Konzept des Plusenergiehauses für Bestandsimmobilien?
Um die Energiewende zu schaffen, muss vor allem die Altbausubstanz saniert werden, damit deren Energieverbrauch drastisch sinkt. Allerdings setzen dabei Bauhülle und Kosten Schranken. Denn die Immobilien sollen ja vermietbar bleiben. Ein Plusenergiehaus ist da nicht so ohne weiteres möglich. Plattenbauten eignen sich durch ihre kompakte Bauform gut für die energetische Sanierung. Bei nicht erhaltenswerten Bauten kann die Lösung auch in Abriss und Neubau bestehen.

Mehr zum Thema Plusenergiehaus erfahren Sie in diesem Video.

Veröffentlicht von Sylvia Redlich am 10. Juni 2013 09:46 in Elektromobilität, Energie, Erneuerbare Energien

Kommentare

Es wurden noch keine Kommentare verfasst!

  • Name*

  • E-Mail*