Energiegeschichte: 85 Jahre Pumpspeicherwerk Niederwartha

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PSW Niederwartha

Aus der Vogelperspektive: reizvoller Blick aufs Pumpspeicherwerk Niederwartha. Foto: Vattenfall GmbH

Vielleicht erinnern Sie sich: Vor einigen Monaten habe ich mich hier im Blog allgemein mit dem Thema Energiespeicher befasst.

Für unsere Serie zur sächsischen Energiegeschichte gehe ich heute auf eine Stromspeicherform näher ein – das Pumpspeicherwerk (PSW). Zwischen 1927 und 1930 wurde das bis dahin leistungsstärkste der Welt in Niederwartha, heute ein Ortsteil von Dresden, am Ufer der Elbe errichtet.

Damals wie heute dient es dem Ausgleich von Schwankungen zwischen Stromerzeugung und Stromverbrauch.

Die erste Maschine nahm am 27. November 1929 ihre Arbeit auf. Dabei lieferte sich das Werk in Sachsen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Koepchenwerk in Herdecke (Nordrhein-Westfalen), das am 28. Januar 1930 vollständig in Betrieb ging. Endgültig fertig gestellt war das PSW Niederwartha mit insgesamt vier Turbinen erst im März 1930.

Generatorgebäude

Ein Großteil der Technik, darunter Turbinen, Generatoren und Pumpen, ist in diesem markanten Gebäude untergebracht. Foto: wikimedia.org/ProfessorX

Die Grundidee der Pumpspeicherwerke stammt aus der Zeit vor der Industrialisierung. Damals pumpten Windmühlen Wasser in höher gelegene Speicher, aus denen Wassermühlen gleichmäßig angetrieben werden konnten. Später lieferten Energieerzeugungsanlagen, wie zum Beispiel Kohle- oder Atomkraftwerke, kontinuierlich Strom. Der Verbrauch hingegen unterliegt starken Schwankungen.

Moderne PSW nehmen überschüssigen Strom auf und geben ihn bei hoher Nachfrage wieder ab. Heutzutage spielt auch die Speicherung von Wind- und Sonnenstrom eine große Rolle, denn dessen Erzeugung schwankt naturgemäß stark.

Das Pumpspeicherwerk Niederwartha besteht aus einem Oberbecken, einem Unterbecken, drei Druckrohrleitungen – jeweils mit Wasserschloss und dem Generatorgebäude, in dem sich ein Großteil der Technik befindet.

Rohrleitungen

Durch die Rohrleitungen gelangt das Wasser vom oberen ins untere Becken – und umgekehrt. Foto: wikimedia.org/X-Weinzar

Das Oberbecken nimmt eine Fläche von rund 30 Hektar ein. Das entspricht der Größe von etwa 40 Fußballfeldern. Mit seinem Speichervolumen von 2,9 Millionen Kubikmetern Wasser könnten ungefähr 1.000 Schwimmbecken gefüllt werden. Zwar fällt das Speichervolumen des Unterbeckens, das auch als öffentliches Bad genutzt wird, mit rund 2,5 Millionen Kubikmeter geringer aus, dafür weist es aber mit 45 Hektar eine größere Oberfläche auf und ist damit zugleich das größte Freibad in Dresden.

Der Durchmesser der drei Druckleitungen beträgt 2,5 bis 3,2 Meter, die Länge jeweils 1.760 Meter. Jedes dieser Rohre besitzt ein sogenanntes Wasserschloss – klingt romantischer als es tatsächlich ist, denn es dient lediglich dem Ausgleich von Druckschwankungen infolge von Druckstößen, die zum Beispiel beim Öffnen oder Schließen von Ventilen entstehen.

Schon von weitem sichtbar ist das markante Kraftwerksgebäude. Entworfen hat es der Architekt Emil Högg, der als Hochschullehrer an der Technischen Universität Dresden tätig war. Das Bauwerk beherbergt sechs Francis-Turbinen mit einer Gesamtleistung von 120 Megawatt. So funktioniert eine Francis-Turbine:

Bei einem Überangebot an Strom pumpen die Maschinen das Wasser über die Rohrleitungen vom Unterbecken ins Oberbecken. Bei hohem Strombedarf fließt das Wasser wieder zurück in das untere Speicherbecken.

Der Höhenunterschied zwischen beiden Seen beträgt rund 140 Meter. Diese sogenannte nutzbare Fallhöhe und der Wasserdurchfluss bestimmen im Wesentlichen die elektrische Leistung.

1930 bis 1945 kam die Energie für die Pumpen aus den Braunkohlekraftwerken Lauta und Hirschfelde. Der durch das wieder abfließende Wasser erzeugte Strom versorgte die Stadt Dresden.

Maschinenhaus

Das Maschinenhaus ist mit sechs Turbinen ausgestattet, von denen nur noch zwei in Betrieb sind. Foto: Vattenfall GmbH

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Rahmen von Reparationsleistungen an die Sowjetunion die technischen Anlagenteile des PSW Niederwartha, wie Turbinen, Pumpen und Generatoren, demontiert. Ab 1957 begann der Wiederaufbau, um den steigenden Energiebedarf in der damaligen DDR zu decken.

Ab Oktober 1960 – nach Abschluss der Rekonstruktion – spielte es sogar international eine Rolle: Bis zur Wiedervereinigung war das Kraftwerk innerhalb des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in einen internationalen Verbundbetrieb mit Polen und der damaligen Tschechoslowakei integriert.

2002 verursachte die “Jahrhundertflut” erhebliche Schäden am PSW. Technische Maßnahmen zum Hochwasserschutz verhinderten 2013 eine erneute Überflutung der Hauptanlagen.

Die Vattenfall GmbH betreibt das Kraftwerk derzeit mit zwei der insgesamt sechs Turbinen.

Laut Angaben des Betreibers beträgt die jährliche Stromerzeugung 24 Millionen Kilowattstunden. Bei einem durchschnittlichen Stromverbrauch eines Drei-Personen-Haushaltes von 2.500 Kilowattstunden können zirka 9.600 Haushalte mit der vor Ort erzeugten Energie versorgt werden.

Freibad-Niederwartha

Zu den beliebtesten Freibädern Dresdens gehört das in Niederwartha. Es befindet sich direkt am unteren Staubecken des Pumpspeicherwerkes. Foto: wikimedia.org/ ProfessorX

85 Jahre nach Inbetriebnahme stehen umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an. Aus diesem Grund und wegen der gesetzlich vorgeschriebenen Netznutzungsentgelte ist der wirtschaftliche Weiterbetrieb der Anlage gefährdet. Der Eigentümer plant deshalb einen Verkauf beziehungsweise die Stilllegung.

2012 gründete sich eine Bürgerinitiative zum Erhalt des Pumpspeicherwerkes Niederwartha. Sie setzt sich dafür ein, die Netznutzungsentgelte für PSW zu ändern oder abzuschaffen. Außerdem wünscht sie sich, dass Investoren die Anlage modernisieren.

Das ist in meinem Sinne – nicht nur aus energiewirtschaftlicher, sondern auch aus persönlicher Sicht. Denn schon als Kind bin ich gelegentlich mit dem Fahrrad nach Niederwartha zum Baden gefahren.

Veröffentlicht von Katja Weinhold am 5. September 2014 10:23 in Energie, Wissen

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